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Touroman (Tibet)
Mittwoch, den 23. August 2006 um 12:24 Uhr

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Velotour Schweiz-Tibet-Thailand-Borneo
Auf seiner 25'670 km langen Fahrt überquert Roman Beerli das Tibetische Hochland, radelt durch Osttibet bis nach Kunming und sammelt auf dieser Strecke GPS-Daten und wichtige Informationen für unsere Himalaya-Tibet-Karte.

 

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11. Reisebericht vom 23.08.06 aus Ali/Shiquanhe, Tibet
Ali/Shiquanhe, Km 12'900
N 32º 29' 34'', E 80º 06' 05''

Nach ein paar Tagen Aufenthalt in Kashgar schwang ich mich schliesslich wieder auf mein Velo und suchte den Weg zur Stadt hinaus. Etwas ausserhalb staunte ich über die Kolonnen von Eselkarren, die auf der grossen Hauptstrasse unterwegs waren und von den zahlreichen Lastwagen in oft halsbrecherischen Manövern überholt wurden. Auf den Wagen sassen meist ganze Uygurenfamilien, zusätzlich waren sie meist noch beladen mit Gütern und Tieren aller Art. Erst in einer kleineren Ortschaft fand ich den Grund dafür: Es herrschte Sonntagsmarkt, jeweils ein grosser Anlass, und so strömten die Leute aus allen umliegenden Ortschaften hierher. Für die Bauernfamilien aus der Gegend scheinen Esel und Wagen nach wie vor das wichtigste Transportmittel zu sein, und so staunte ich dann auch nicht schlecht, als ich ausserhalb des Marktgeländes einen riesigen Eselparkplatz entdeckte, so richtig mit Nummern und Futterplätzen für die Tiere!
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Nachdem ich eine Weile durch den ungeheuer lebhaften und weitläufigen Basar geschlendert war und die Gelegenheit zum Fotografieren benützt hatte, radelte ich schliesslich noch weiter. Während zwei Tagen führte die Strasse topfeben am Rande der Takla Makan Wüste entlang, wobei ich bloss ein paar wenige Wüstenabschnitte zu sehen bekam. Meist ist die Gegend ausreichend bewässert und entsprechend landwirtschaftlich genutzt, so dass ich ständig durch üppig grüne Landschaften fuhr. Ausgerechnet gegen Abend des ersten Tages aber geriet ich in einen längeren einsamen Wüstenabschnitt hinaus ohne dies so richtig zu realisieren, und wurde mittendrin prompt von einem heftigen Gegenwind überrascht. An Fahren war nicht mehr zu denken, und so suchte ich mir ein halbwegs geschütztes Plätzchen zum Übernachten, während ich meine knappen verbleibenden Wasserreserven möglichst sparsam einzuteilen versuchte. Am folgenden Morgen ging es dann glücklicherweise wieder ungehindert weiter, und ich erreichte ohne weitere Probleme den nächsten Ort und damit eine Gelegenheit zum Wasser auffüllen.
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Bald zweigte ich von dieser grossen Hauptstrasse ab auf den Tibet-Xinjiang Highway, welcher als eine der wenigen Verbindungen nach Tibet hinein und bis in die Hauptstadt Lhasa führt. Bald führte die Strasse leicht aber stetig bergaufwärts, und nach dem ersten Tag war es dann auch mit dem Teer vorläufig zu Ende. Von nun an ging es unter mehr oder weniger mühsamen Verhältnissen lange hoch zum ersten Pass auf der Strecke, mit etwas über dreitausend Metern Höhe gerade mal richtig zum Einfahren (manche Leute bemerken scherzhaft, dass es auf dieser Route bloss einen dreitausender Pass gebe... alle Anderen sind nämlich höher!). Nach einer längeren Abfahrt führte die Strasse schon ein weiteres felsiges Tal hinauf und nach einem langen und anstrengenden Aufstieg über einen Pass von mehr als 4800 Metern, kurz darauf gefolgt von einem Zweiten mit einer ähnlichen Höhe.
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Unterwegs sammelte ich GPS-Daten und wichtige Informationen für die Himalaya-Tibet-Karte von Gecko Maps.

Nun wurde die Fahrt jedoch bald einiges einfacher, zumindest was die Höhenmeter betraf, denn ich hatte das tibetische Hochplateau erreicht und von nun an werde ich während der nächsten ein bis zwei Monate kaum mehr unter viertausend Meter Meereshöhe gelangen. So gestalteten sich die folgenden Aufstiege auf oftmals über fünftausend Meter Höhe meist relativ kurz und einfach, und oft vergass ich völlig, dass ich von hier aus weit auf die Schweizer Alpen hinunter hätte blicken können! Ähnlich unspektakulär war dann auch der Passübergang in die Provinz Tibet hinein, bloss eine Tafel am Strassenrand und ein paar bunte Gebetsflaggen erinnerten daran.
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Trotzdem wurde das Vorwärtskommen nicht viel einfacher, denn die Strassenverhältnisse waren oftmals schlicht haarsträubend, entweder mit vielen groben Steinen und Geröll oder dann sandig und weich. Fuer Radfahrer am Unangenehmsten aber ist die so genannte Wellblech- oder Waschbrettpiste, wenn regelmässige kleine Wellen im Belag quer zur Fahrtrichtung alle Freude am Fahren nehmen und man bloss noch heftig durchgerüttelt wird.
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Dazu kamen noch die extremen klimatischen Bedingungen wie starker Wind, stechend heisse Sonne oder erste Nachtfröste, sowie unerwartet heftige Gewitter und Hagelschauer, denn momentan herrscht hier noch Regenzeit. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass es in dieser eigentlich sehr trockenen Gegend so ausgiebig regnen kann. In einer riesigen wüstenartigen Ebene geschah es dann prompt, dass Bäche die etwas erhöhte Strasse an zahlreichen Stellen durchbrochen und überflutet hatten. Eine erste solche Stelle konnte ich noch passieren, indem ich mein Fahrrad auf einen Lastwagen verlud.
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Bei der Nächsten kamen auch sie nicht mehr durch und so staute sich eine lange Kolonne, während wir den Tag geduldig wartend verbrachten. Erst gegen Abend hatte sich der Wasserspiegel so weit gesenkt, dass ich hindurch waten und mein Velo und die Ausrüstung trocken ans andere Ufer bringen konnte. Auch ein paar mutige Lastwagenfahrer versuchten die Querung, blieben aber immer gleich stecken und mussten von einem anderen Fahrzeug wieder herausgezogen werden. Erst drei Tage später wurde ich von ihnen schliesslich wieder eingeholt, nachdem ich selbst noch zahllose weitere Bäche durchwatet hatte und an mehreren stecken gebliebenen oder gar umgekippten Fahrzeugen vorbei gekommen war.
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Lastwagen machen den Hauptteil des Verkehrs auf dieser Strasse aus, da jegliche Güter für die wenigen Dörfer unterwegs und vor allem für die Stadt Ali hier über tausend Kilometer weit auf dieser Strecke transportiert werden. Entsprechend viel höher als im sonst eigentlich sehr günstigen China sind dann auch die Preise für Lebensmittel und andere Waren hier im Tibet, wenn man den beschwerlichen Transport rechnet überhaupt nicht erstaunlich!
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Vom eigentlichen Tibet, besonders von den Menschen hier und ihrer Kultur habe ich bisher noch nicht viel zu sehen und spüren bekommen. Einerseits traf ich in den einsamen Gegenden bisher allgemein wenige Menschen, andererseits ist hier von der einstigen buddhistisch Hochkultur nicht mehr allzu viel vorhanden. Schliesslich wurden vor allem die Mönche seit der Invasion der Chinesen in den 50er Jahren systematisch verfolgt und viele der Kloester zerstört, und die daraufhin folgende 'Kulturelle Revolution' von 1966 - 76 bemühte sich erfolgreich, die tibetische Kultur flächendeckend auszuradieren. Die brutale Unterdrückung gipfelte schliesslich in der Flucht des Dalai Lamas ins Exil nach Indien, und auch heute noch ist der Besitz von Bildern seiner Heiligkeit strengstens verboten. Mittlerweile sollen in der Provinz Tibet schon mehr Chinesen als Tibeter leben, und in den Ortschaften herrscht eine unübersehbar starke Armeepräsenz. Deren Verfügbarkeit wird noch verstärkt durch den ständigen Ausbau der Strassen oder die eben eröffnete Eisenbahnlinie nach Lhasa, zusammen mit der zunehmenden Erschliessung der an Bodenschätzen reichen Region für die boomende Wirtschaftsmacht China und ihren enormen Bedarf an Rohstoffen. Trotzdem ist die Fahrt durch diese ungeheuer weitläufigen und menschenleeren Gebiete immer noch ein Erlebnis und eine Herausforderung der besonderen Art, und ich versuche es möglichst zu geniessen, ohne mir dabei allzu romantische Vorstellungen zu machen, wie es hier vielleicht einst war.

Roman Beerli



12. Reisebericht vom 22.09.06, 'Langer Weg nach Lhasa'

Position: Lhasa, Tibet/China, Km: 14'650
Koordinaten: N 29º 38' 50 "E 91º 01' 01"

Vor ein paar wenigen Tagen bin ich nach gut anderthalb Monaten mühsamer und anstrengender Fahrt durch den westlichen Teil Tibets schliesslich hier in Lhasa angekommen und hätte damit ein weiteres wichtiges Etappenziel meiner Reise erreicht!

Leider kann ich euch diesmal nur ein paar wenige Bilder der vergangenen Wochen zeigen, da mir gestern hier in der Stadt meine Kamera mitsamt dem Fotospeicher gestohlen wurde. Für mich natürlich ein riesiger Verlust, besonders was die Bilder der bisherigen Reise betrifft! Zwar habe ich den grössten Teil der Fotos jeweils auf DVD gebrannt und nach Hause geschickt, doch die vergangenen zwei Monate fehlen nun völlig, abgesehen von den paar Bildern die ich noch auf meiner Kompaktkamera gespeichert hatte.
Doch genug davon, und ich werde natürlich weiterhin in der Gegend herum knipsen und euch ein paar Ausschnitte meiner Reise zu zeigen versuchen. Jedenfalls ging es von Ali aus wieder ähnlich weiter wie zuvor, karge und weite Landschaften, immer noch recht viel Regen und mühsamer Gegenwind.
Unterwegs hielt ich in einem kleinen Dorf am Fusse des Mount Kailash, der von den Buddhisten als Sitz der Götter verehrt wird und unternahm wie viele andere Pilger und auch Touristen die 'Kora'. Diese Umrundung des Berges zu Fuss soll der spirituellen Reinigung dienen, fuer mich war es ehrlich gesagt eher eine leicht enttäuschende und lange Tageswanderung, denn der Gipfel blieb hartnäckig den ganzen Tag in dichte Wolken gehüllt. Dabei hatte ich mich am Meisten auf ein paar spektakuläre Ansichten dieses schroffen Berges gefreut!
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Bei der Weiterfahrt wurde die Landschaft nun zunehmend etwas grüner, und so traf ich immer mehr Nomaden, die mit ihren zum Teil riesigen Herden von Yaks, Pferden und Ziegen durch die weiten Flussebenen zogen. Spätestens als dann am Horizont noch einige zum Teil ziemlich eindrückliche Gipfel der Himalayakette an der Grenze zu Nepal erkennbar wurden, war das Bild von Tibet schon fast perfekt. Schneeberge, tiefblaue Seen, zottelige Yaks, bunt gekleidete Frauen, Einladungen zu Tee und Tsampa (Gerstenmehl, mit Yakbuttertee verrührt das Grundnahrungsmittel der Tibeter schlechthin), ...
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Ich war fast ein wenig überrascht zu sehen, wie traditionell die Menschen hier noch leben und freute mich natürlich, mein zuvor eher etwas negatives Bild vom Tibet revidieren zu können. Leider erhielt dies später wieder einen Dämpfer, als ich den Tibethighway, dem ich nun schon bald 2000 km gefolgt war, südwärts verliess und mich der Hauptroute nach Katmandu (Friendship Highway) und der nepalesischen Grenze näherte. Bevor ich richtig wusste was los war, bekam ich von den Einheimischen bloss noch überall die Hand hingestreckt, meist mit den auffordernden Worten "Hello, money!" oder einer Handbewegung zum Mund kombiniert. Nicht dass dies eine Einladung zum Essen oder so bedeutet hätte wie ich mir das noch von vorangegangenen Ländern gewohnt war, im Gegenteil, die Leute wollten natürlich was von mir. Ich staunte aber bald nicht mehr über diesen plötzlichen Wechsel, spätestens nachdem mich ganze Busladungen von All-inclusive Touristen oder geführte Gruppen von Mountainbikern in knalligen Dresses und mit Begleitfahrzeug überholt hatten. Der Friendship Highway, also die Route von Lhasa nach Kathmandu, ist wahrscheinlich die meistbereiste Strecke im Tibet und bietet sich geradezu an für einen Kurzurlaub und schnellen Augenschein dieser Gegend an (ich bin mir ja bewusst, dass sich die Wenigsten in der luxuriösen Situation befinden, monatelang unterwegs sein zu können...!). Mein Ziel war aber das Basecamp am Nordfuss des Mount Everest, und so war ich froh, bald wieder von dieser Strasse auf kleinere und bisher raueste Pisten überhaupt abzweigen zu können. Die Fahrspur führte häufig einfach durch ein Flussbett mit grobem Geröll oder dann über solche sandig-weichen Abschnitte, dass ich öfter absteigen und mein Velo schieben musste. Trotzdem gelangte ich immer höher hinauf und wurde schliesslich mit einigen unvergesslichen Ansichten dieses gewaltigen Gipfels und seiner momentan tief verschneiten Nordwand belohnt. Hätte die Bilder natürlich gerne mit euch geteilt...

Von da aus war es schliesslich bloss noch ein Katzensprung nach Lhasa, und ich staunte dabei besonders über den plötzlichen Landschaftswechsel. Die Strasse folgte oft dem Brahmaputra-River, der sich nach der Durchquerung der Himalayakette regelmässig über das Tiefland von Bangladesh ergiesst, und gelangte damit seit Langem wieder einmal unter die 4000 m - Grenze. Plötzlich wuchsen in diesem sehr grünen Flusstal wieder Büsche und bald darauf sah ich erste Bäume, überall wurde Getreide angebaut und sogar Gemüse und Wassermelonen wuchsen hier. Momentan war gerade die Getreideernte in vollem Gange, und oft begleitete mich der Gesang der Arbeiter, die im Rhythmus die Sicheln schwangen und die geernteten Halme zu Garben banden. Wunderschön romantische Bilder...

Die Einfahrt nach Lhasa gestaltete sich für mich zu einem mittleren Schock. Plötzlicher laermiger Verkehr, Scharen von Menschen zu Fuss oder auf Fahrraeden, überall knallig-bunte Reklameschilder und unleserliche chinesische Beschriftungen liessen mich ziemlich abrupt in die Wirklichkeit der modernen Zivilisation zurück kehren. 
Ich staunte über die Ausmasse dieser mittlerweile hauptsächlich chinesischen Stadt, bewunderte als Erstes das Potala, den gewaltigen Palast des im Exil lebenden Dalai-Lama, und war auch freudig überrascht, einen noch recht originalen alten und somit tibetischen Teil der Stadt zu entdecken. Scharen von Pilgern schienen von überall her angereist zu kommen, ebenso natürlich Massen von westlichen und asiatischen Touristen. Während die Einen überall ihre Kameras vorstreckten, warfen sich die Anderen vor den Tempeln der Länge nach zu Boden, drehten ihre Gebetsmühlen in tiefer Versenkung oder huldigten auf andere Weise den buddhistischen Gottheiten.
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Ich gönne mir seit Langem wieder einmal eine dringend benötigte Pause, da mich die Fahrt hierher ziemlich gefordert hat. Auch gäbe es in der Stadt und der näheren Umgebung viel zu sehen, doch meist bringe ich kaum die Energie auf, grössere Ausflüge zu unternehmen und schlafe lieber lange, schaue chinesisches Fernsehen oder leiste mir ein feines Essen. Schliesslich steht mir noch ein weiterer Monat Fahrt durch den östlichen Teil von Tibet bevor, und damit viele weitere Pässe und anstrengende Kilometer. Doch ich freue mich schon sehr auf diesen Abschnitt, da er landschaftlich sehr schön und abwechslungsreicher sein soll. Ich werde euch nächstes Mal mehr davon berichten.

PS: Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich einmal herzlich bedanken für alle eure aufmunternden Emails und Gaestebucheintraege! Falls ihr vielleicht mal keine Antwort von mir bekommt kann es daran liegen, dass das Mail in einem chinesischen Filter hängen geblieben ist. Die chinesische Regierung ist nämlich ziemlich Paranoid was das Internet betrifft und kontrolliert den gesamten Emailverkehr und die Websites. Sogar meine eigene Seite haben sie blockiert und ich habe hier innerhalb des Landes keinen Zugang dazu! Also, vielleicht besser zweimal schicken...!

Roman Beerli



13. Reisebericht vom 23.10.06 'Durch Osttibet'
Position: Lijiang, Suedwestchina, Km: 16'650
Koordinaten: N 26º 52' 23,0" E 100º 13' 10,2"

Die vergangenen Wochen waren geprägt von einer nochmals sehr anstrengenden Fahrt mit vielen Höhenmetern, gleichzeitig aber auch einer erfreulich abwechslungsreichen Landschaft. Da sich in dieser Region einige der grössten Flüsse Asiens tief in die Erdkruste gefressen haben, erlebte ich einige rekordverdächtig lange Abfahrten wie auch Aufstiege, und habe schliesslich Tibet hinter mir gelassen und fahre jetzt südwärts durch die Provinz Yunnan.
01_paesse
Kaum hatte ich den ersten Pass nach Lhasa überwunden, änderte die Landschaft schlagartig. Plötzlich wuchs an den Talseiten wieder Wald, erst waren es schon herbstlich farbige Birken und Weidenbüsche, weiter unten wurden sie abgelöst durch weitläufige Tannen- und Föhrenwälder. Ich genoss diesen Wechsel ungemein, hatte ich doch vorher in Westtibet über einen Monat lang keinen einzigen Baum gesehen! Auch das Zelten machte so wieder viel mehr Spass, denn schöne Lagerplätze waren meist einfach zu finden und ein kleines Lagerfeuer am Abend trug zur gemütlichen Stimmung bei.
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Nach dem nächsten Pass von knapp 5000 m Höhe, wo ich von einem heftigen Hagelschauer überrascht wurde, ging es in einer kaum enden wollenden Abfahrt rasant in ein weiteres Hochtal hinunter. Die weiss getünchten Steinhäuser, Alpweiden mit friedlich weidenden Yaks und herbstlich gelbe Lärchenwälder liessen plötzlich Erinnerungen ans Engadin aufkommen, sehr viel anders sah es hier wirklich nicht aus!

Die Abfahrt war noch längst nicht zu Ende und führte durch ein immer enger und felsiger werdendes Tal schliesslich in die Schlucht des Parlung Tsangpo auf nur noch 2000 m Höhe hinunter. Nicht weit entfernt fliesst dieser wilde Fluss in den Yarlung Tsangpo oder Brahmaputra River, dessen Oberlauf ich schon früher gefolgt bin, und bildet dort wo er sich zwischen zwei 7000er Gipfeln hindurch zwängt eine der tiefsten Schluchten der Erde.
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Das Klima in dieser wie ein Schild verriet dritttiefsten Schlucht der Welt (über 3500 m tief), in der ich mich gerade befand, war schon richtig subtropisch feucht und recht warm. Entsprechend wuchs auch der Wald an den steilen Hängen ungemein üppig und bildete ein schier undurchdringliches Dickicht, aus dem Bambusbüschel und Schlingpflanzen auf die Strasse herunter hingen. Gelegentlich flatterte ein bunter Schmetterling vorbei und in den Bäumen zwitscherten Scharen von Vögeln, während ich mich auf der seit Lhasa erstmals wieder ungeteerten 'Dschungelpiste' vorwärts kämpfte. Unglaublich dieser Wechsel, der sich innerhalb von nur ein paar wenigen Stunden vollzogen hatte! Ich konnte es kaum glauben, dass ich noch gleichentags auf der Passhöhe geschlottert und meine dicken Handschuhe hervorgekramt hatte, während mir nun der Schweiss bloss so herunter lief!
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Bald hatte ich den tiefsten Punkt erreicht und nun begann der wahrscheinlich längsten Aufstieg, den ich je gefahren bin. Auf etwa 250 km Länge wand sich die Strasse an einigen winzigen Dörfern mit richtigen Blockhäusern vorbei zum wunderschön gelegenen Rawu See hinauf, von wo aus der Schlussanstieg zum folgenden Pass begann.
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Auf dessen Rückseite erwartete mich wieder das völlige Gegenteil des vorangegangenen Tals. Karge und trockene Berghänge erinnerten wieder stark an Westtibet, wie auch die typische Kleidung und Häuser der Leute, die gerade die letzte Getreideernte einbrachten.
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Unterwegs traf ich mehrmals Pilger auf dem Weg nach Lhasa. Oft waren sie nicht einfach zu Fuss unterwegs, sondern warfen sich jeweils der Länge nach ausgestreckt zu Boden, standen wieder auf, stellten sich dort hin wo ihre Fingerspitzen den Boden berührt hatten und warfen sich erneut hin. Auf diese Weise massen sie die ganze Strecke nach Lhasa mit ihrem eigenen Körper ab. Ich war ungeheuer beeindruckt von diesen Leuten, wusste ich doch selbst, wie lange und mühsam die Strecke nur schon mit dem vergleichsweise schnellen Velo war! So ging es weiter über eine ganze Serie von Pässen, die mich nochmals richtig forderten, mit weiterhin so extremen landschaftlichen und klimatischen Wechseln.
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Eine Weile folgte ich dem Mekong River in seinem staubig-trockenen Tal, danach ging es über eine weitere Hügelkette und an den Meilixue Bergen vorbei ins Tal des Yangtze hinunter, wo ich zunehmend mehr exotische Früchte an den zahlreichen Obstbäumen entdeckte und nun Wasserbüffel an Stelle von Yaks vor die Pflüge gespannt waren.
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Auf diesen letzten Pässen geriet ich mehrmals in heftige Schneeschauer, während ich in tieferen Lagen meist angenehm sonniges und mildes Herbstwetter geniessen durfte.

Vor etwas über einer Woche habe ich den Tibet verlassen und befinde mich nun in der Provinz Yunnan im Südwesten von China. Diese Region ist bekannt für die vielen verschiedenen hier lebenden Volksgruppen, wie auch für ihre landschaftliche Schönheit und gutes Essen. So gönne ich mir jetzt einige Tage Pause in Lijiang, das bekannt ist für seine wunderschöne und ursprüngliche Altstadt des Naxi Stammes. Von der UNO zum Weltkulturerbe ernannt, zieht der Ort Unmengen von chinesischen wie auch westlichen Touristen an, so dass in den engen Gassen oft ein richtiges Gedränge herrscht.
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Nach einer Weile Herumspazieren in der zugegebenermassen sehr sehenswerten Altstadt und an den unzähligen Souvenirshops und überteuerten Cafes vorbei, hatte ich bald wieder genug von dem ganzen Rummel und zog mich lieber wieder in den neueren chinesischen Teil der Stadt zurück, wo es auch viel zu entdecken gibt. In der Umgebung der Stadt wachsen eine Vielzahl von Gemüse und verschiedenen Früchten, die auf den Märkten nebst allem möglichen Getier lautstark zum Verkauf angeboten werden. Ich versuche zum Teil erfolgreich meine knappen Sprachkenntnisse beim Feilschen mit den Händlern aus, die von westlichen Touristen häufig schamlos überhöhte Preise verlangen oder probiere von den überall angebotenen und mir meist unbekannten Speisen. Von einem Restaurant, das in der Auslage Delikatessen wie lebende Mehlwürmer, Maden und ähnliches Krabbelgetier anbot, konnte ich mit der Entschuldigung auf eine mir kürzlich zugezogene Magenverstimmung problemlos Abstand nehmen... ich muss ja auch nicht alles probiert haben! Zum ersten Mal seit meinem bald dreimonatigen Aufenthalt hier befinde ich mich nun im 'richtigen' China, und die häufig sehr fremd anmutende Kultur dieses faszinierenden Landes hat mich in seinen Bann gezogen und ich versuche mehr darüber zu lernen und sie zu verstehen. Nun habe ich gerade mein Visum um einen Monat verlängert, so bleibt mir noch viel Zeit um gemütlich nach Kunming und weiter Richtung Laos zu Radeln. Südostasien ist schliesslich nicht mehr weit entfernt!

Roman Beerli

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